Die Marie Vom Hafen
 | | |
In Port-en-Bessin, einem kleinen Dorf an der französischen Nordseeküste, richtet sich der Tagesablauf der Menschen nach Ebbe und Flut. Morgens in aller Frühe stehen die Frauen am Kai und verabschieden ihre Männer, die zum Fischfang ausfahren. Ruhezeiten werden dazu genutzt, Netze zu flicken, Bordwände zu streichen und Motoren zu reparieren. In diese scheinbar unerschütterliche Alltagswelt bringen zwei Ereignisse Unruhe, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Der Fischer Jules stirbt und lässt fünf Waisenkinder zurück, darunter drei unmündige. Und der wohlhabende Café-Besitzer Chatelard aus Cherbourg kauft ein Schiff, das versteigert wird, weil der Besitzer seine Schulden nicht mehr begleichen kann. Bei Chatelard ist auch Odile, die älteste Tochter von Jules untergekommen. Von der Angestellten hat sie sich zur Geliebten des Chefs gemausert. Die zweitälteste Schwester Marie dagegen zeigt sich den Avancen des reichen Mannes gegenüber unempfindlich. Sie ist eine verschlossene junge Frau, die von den Dorfbewohnern "Die Heimlichtuerin" genannt wird. Chatelard will sie nach Cherbourg holen, doch Marie zieht es vor, im kleinen Café de la Marine im Hafen von Port-en-Bessin als Kellnerin zu arbeiten. Allerdings verbirgt sich hinter ihrer unerschütterlichen Miene ein empfindsames Gemüt, und sie weiß sehr genau, was sie will. Simenon selbst hat diesen Roman immer zu seinen besten gezählt. Bereits der Erstausgabe von 1938 hat er ein Vorwort beigegeben, in dem er von einem "Hoffnungsschimmer" spricht -- er glaubte, "der Wiedervereinigung der geistigen und der sinnlichen Sphäre" einen Schritt näher gekommen zu sein. Das klingt sehr theoretisch, will aber genau das Gegenteil: Ihm geht es darum, "daß ein Mensch einfach nur ein Mensch ist, ohne daß man sagen könnte, ob er denkt oder ob er handelt." Die Lektüre von Die Marie vom Hafen gleicht einem Rausch, der nicht von außerordentlichen Ereignissen, sondern von der Faszination des Alltags verursacht wird. Nur wenigen Schriftstellern gelingt es, diesen Rausch auszulösen. Simenon war darin ein Meister. --Hannes Riffel